Betrieblicher Brandschutz

Mittwoch, 2. Mai 2018

Sicherheit für mobilitätseingeschränkte Mitarbeiter

Matthias Bauer M.Sc., M.Eng., Brandschutz, Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Co. KG

„Es entspricht der Lebenserfahrung, dass mit der Entstehung eines Brandes praktisch jederzeit gerechnet werden muß. Der Umstand, dass in vielen Gebäuden jahrzehntelang kein Brand ausbricht, beweist nicht, dass keine Gefahr besteht, sondern stellt für die Betroffenen einen Glücksfall dar, mit dessen Ende jederzeit gerechnet werden muss.“ (Oberverwaltungsgericht Münster, 1987)

Die Aussage des Oberverwaltungsgerichtes Münster bringt deutlich zum Ausdruck, warum Konzepte zur Gebäuderäumung im Hinblick auf mobilitätseingeschränkte Personen so wichtig sind, wenn auch in der Vergangenheit wenige konkrete Situationen ein entsprechendes Handeln erforderlich machten. Unabhängig aller gesetzlichen Anforderungen sollte es schon allein aus ethischen Gründen geboten sein, Mitarbeitenden mit Mobilitätseinschränkung die gleiche Sicherheit am Arbeitsplatz zu bieten, wie ihren nicht beeinträchtigten Kolleginnen und Kollegen.

Diesen Anspruch können die im Vorbeugenden Brandschutz zugrunde liegenden Schutzziele jedoch nur mit besonderen Anstrengungen erfüllen. Die Schutzziele im Bauwesen besagen, dass bei einem Brand die Rettung von Menschen sichergestellt sein muss. Grundsätzlich wird vorausgesetzt, dass an Arbeitsplätzen eine Selbstrettung der Beschäftigten im Gefahrenfall idealerweise noch vor Eintreffen der Feuerwehr selbstständig durchgeführt werden kann.

Rechtliche Grundlagen und Risiken
„Ein Brand stellt für jedes Unternehmen eine ernste Gefährdung dar. Die Verantwortung für die Beschäftigten, die Sicherung des Unternehmens und die öffentliche Sicherheit erfordern eine angemessene Aufmerksamkeit für den Brandschutz.“ (Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e.V., 2014)

Da die Rettung von Menschenleben durch den Abwehrenden Brandschutz (Feuerwehr) nur gelingen kann, wenn der Bereich Vorbeugender Brandschutz und Abwehrender Brandschutz nahtlos ineinander greifen, soll hier der Aufbau des Brandschutzes dargestellt werden. Dies soll das Verständnis der Zusammenhänge weiter stärken.

„Die Brandsicherheit in Gebäuden – insbesondere Gebäuden besonderer Art oder Nutzung – ergibt sich aus dem Zusammenspiel von vorbeugenden baulichen und anlagentechnischen Brandschutzmaßnahmen, organisatorischen Brandschutzmaßnahmen während des Betriebs bzw. der Nutzung sowie abwehrenden Brandschutzmaßnahmen nach Eintritt eines Brandereignisses.“ (Ingenieurmethoden des Brandschutzes, Hosser, 2009)


Der Gesetzgeber definiert die allgemeinen Anforderungen an Gebäude wie im § 3 Nr. 1 MBO definiert: „Anlagen sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und in Stand zu halten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen, nicht gefährdet werden.“ (Musterbauordnung, § 3 Nr.1, 2002)


Weiter sind in der MBO ebenfalls die Schutzziele im Hinblick auf den Brandschutz definiert, auf welche besonderes Augenmerk im Bereich der Gefahrenabwehr gelegt werden muss. § 14 der MBO besagt: „Bauliche Anlagen sind so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und in Stand zu halten, dass der Entstehung eines Brandes und der Ausbreitung von Feuer und Rauch (Brandausbreitung) vorgebeugt wird und bei einem Brand die Rettung von Menschen und Tieren sowie wirksame Löscharbeiten möglich sind.“ (Musterbauordnung, § 14, 2001)

Bereits aus den beiden oben genannten Rechtsvorschriften können Schwierigkeiten abgeleitet werden, welche durch fehlende Schutzmaßnahmen und Konzepte entstehen können. Die Rettung von mobilitätseingeschränkten Mitarbeitenden am Arbeitsplatz kann hier in Gefahr geraten.

Auch übergeordnete Gesetze wie das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland sollen sicherstellen, dass Menschen mit Behinderung nicht schlechter gestellt werden dürfen als gesunde Menschen. Das Benachteiligungsverbot im Artikel 3 des Grundgesetzes fordert die aktive Gleichstellung für Menschen mit Behinderung. „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ (Grundgesetz Art. 3 Nr. 3, 1949)

Arbeitsplätze sollten barrierefrei gestaltet sein, um den Mitarbeitern mit körperlicher Behinderung ein Höchstmaß an Selbstständigkeit zu ermöglichen. Das Be-hindertengleichstellungsgesetz (BGG) definiert die Barrierefreiheit wie folgt: „Barrierefrei sind bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände, Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Hierbei ist die Nutzung behinderungsbedingt notwendiger Hilfsmittel zulässig.“ (Behindertengleichstellungsgesetz § 4, 2002)

Die Nutzung des Arbeitsplatzes im täglichen Normalbetrieb scheint bei vielen als „barrierefrei“ geltenden Gebäuden unkritisch. Beispielsweise kommt der Mitarbeitende zu Arbeitsbeginn mit dem Fahrstuhl in ein Obergeschoss und zum Arbeitsende wieder in das Erdgeschoss und kann hier das Gebäude verlassen. Im Brand- bzw. Gefahrenfall kann jedoch genau dieses so selbstverständliche Nutzungsverhalten erschwert, wenn nicht sogar unmöglich werden. Im Brandfall ist die Nutzung von Fahrstühlen verboten und auch nicht mehr möglich, vorhandene Brandmeldeanlagen mit entsprechender Brandfallsteuerung lassen Fahrstühle ggf. in eine vorgegebene Ruheposition fahren. Die geforderte Selbstrettung ist nicht mehr möglich und der mobilitätseingeschränkte Mitarbeiter ist auf die Fremdrettung durch die Feuerwehr angewiesen.

Erfüllung der Schutzziele
Für die brandschutztechnische Risikobewertung sollten zunächst die Anforderungen gem. § 3 LBO BW – „Allgemeine Anforderungen“ – sowie die Schutzziele aus § 15 LBO BW – „Brandschutz“ – geprüft werden.

Bei der Planung und Ausführung eines Bauwerks muss für das Erreichen der Schutzziele, die Rettung von Menschen und Tieren sowie eine Risikovermeidung erfüllt werden. Dazu gehören:

  • Standsicherheit durch den Erhalt der Tragfähigkeit über einen bestimmten Zeitraum
  • Verhinderung der Brandentstehung
  • Ausbreitung von Feuer und Rauch auf möglichst kleine Abschnitte begrenzen
  • Ausbreitung von Feuer auf benachbarte Bauwerke verhindern
  • Rettung von Personen und Tieren ermöglichen
  • wirksame Löschmaßnahmen ermöglichen
  • Sicherheit der Rettungsmannschaften berücksichtigen
Bei der Umsetzung der Anforderungen sind die eingeführten technischen Baube-stimmungen (ETB) sowie die allgemein anerkannten Regeln der Technik (a. a. R. d. T.) zu beachten.

Abgrenzung der Begrifflichkeiten Evakuierung und Räumung
Häufig werden im Bereich der Entfluchtung von Gebäuden die Begrifflichkeiten Evakuierung und Räumung im allgemeinen Sprachgebrauch gleichermaßen nebeneinander genutzt. Dies ist jedoch falsch, da beide Begriffe zwar im weitesten Sinne etwas mit dem Verbringen von Personen aus einem Objekt an einen anderen Platz zu tun haben, jedoch deutliche Unterschiede bestehen. Diese Unterschiede sollen hier dargestellt werden.

Die Begrifflichkeit der Räumung wird innerhalb der betrieblichen Gefahrenabwehr für Szenarien genutzt, in denen ein schnelles in Sicherheit bringen von Personen aufgrund einer akuten Gefahrenlage notwendig ist. Eine Räumung findet stets im Notfall statt und ist nicht geplant. Als Beispiel für die Räumung kann das akute Brandereignis genannt werden. Hier geht es nicht darum die Personen in gleichwertig strukturierte Bereiche zu verlegen, sondern um die reine Rettung der Personen aus dem gefährdeten Bereich.

Bei der Begrifflichkeit Evakuierung hingegen geht man von Szenarien aus, in denen eine gewisse Vorplanung möglich ist und bei denen eine Verlegung von Personen in andere Bereiche mit gleicher Versorgungsqualität und -struktur unter Umständen über mehrere Tage erfolgt. Als Beispiel könnte hier der Fund einer Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg genannt werden. Hier müssen im Rahmen der Entschärfung angrenzende Wohngebäude (z. B. auch Altenwohnheime) evakuiert werden. Die evakuierten Personen müssen in ähnlich strukturierten Versorgungsbereichen untergebracht und betreut werden.

Räumungs- und Sicherheitskonzept im Betrieb
„Was unter der Selbstrettung von Personen im Brandfall zu verstehen ist, wird in der Literatur nicht übereinstimmend definiert. Um die Erfüllung des Schutzziels „Selbstrettung“ jedoch gewährleisten zu können, ist der Begriff zu klären.

Im Standardbau nach MBO und den Sonderbauten ohne hilfsbedürftige Personen sind die baulichen Vorgaben so angelegt, dass die Selbstrettung im Brandfall zumindest für den ersten Rettungsweg sichergestellt werden muss. Die Regelung für diese Bautypen gehen davon aus, dass die Nutzer in der Lage sind, einen Brand als Gefahr zu erkennen, eigenständig den Rückschluss zur Einleitung einer Fluchtreaktion ziehen und die horizontalen und vertikalen Rettungswege nutzen können.

„Sobald die Nutzer in der Sensorik oder der Motorik eingeschränkt sind, kann jedoch nicht mehr davon ausgegangen werden, dass diese Prozesskette eingehalten wird. Dies gefährdet das Erreichen des Schutzziels der Personenrettung und lässt Handlungsbedarf entstehen.“ (Barrierefreier Brandschutz, Göbell & Kallinowsky, 2016, S. 47)

Um jedoch für alle Personen eine (Selbst-)Rettung im Brand- und Gefahrenfall sicherstellen zu können und ggf. Handlungsbedarf zu identifizieren, muss bei der Beschäftigung von mobilitätseingeschränkten Personen im Betrieb der „worst-case-Fall Brand“ idealerweise vor Aufnahme der Tätigkeit durchgespielt werden. Hierbei muss vor allen Dingen darauf geachtet werden, dass die Erkenntnisse und Möglichkeiten eines anderen mobilitätseingeschränkten Mitarbeitenden auf keinen Fall Eins zu Eins übertragen werden können. Jeder Fall muss individuell betrachtet werden. Im Rahmen einer Räumungsübung können dann z. B. folgende Schwierigkeiten in der Selbstrettung auftauchen:

  • Hindernisse im Bereich der Flucht- und Rettungswege?
  • Stufen bzw. Treppenabsätze?
  • Selbstschließende bzw. offengehaltene Brandschutztüren welche im Detektionsfall zufallen und u. U. aus einem Rollstuhl nicht geöffnet werden können?
Im Brand- und Gefahrenfall darf der Fahrstuhl auf keinen Fall genutzt werden, automatisch schließende Feuerschutzabschlüsse können den Fluchtweg erschweren und der kürzeste Weg führt über Stufen welche nicht passiert werden können. Alles Situationen über die sich im Regelbetrieb unter Umständen keine Gedanken gemacht werden.

Die Beschäftigung von mobilitätseingeschränkten Personen in oberirdischen Geschossen ohne gesonderte Vorkehrungen zur Selbstrettung ist nur in besonderen Fällen vertretbar (z. B. bei Vorhandensein einer Werkfeuerwehr und entsprechendem Rettungskonzept).


Praxistipps
  • Führen Sie in jedem Fall eine Gefährdungsbeurteilung durch und führen Sie im Rahmen dieser eine Räumungsübung mit dem mobilitätseingeschränkten Mitarbeitenden durch.
  • Erkenntnisse von Person A lassen sich nicht Eins zu Eins auf Person B ableiten, jede mobilitätseingeschränkte Person muss individuell betrachtet werden.
  • Schulen und sensibilisieren Sie die Vorgesetzten und Mitarbeitenden zu den Schwierigkeiten im Brand- und Gefahrenfall.
  • Prüfen Sie die Einrichtung von Rettungszonen in sicheren Bereichen in denen gefahrlos auf die Rettung durch die Feuerwehr gewartet werden kann (z. B. Treppenräume).
  • Stellen Sie sicher, dass die Information über eine mobilitätseingeschränkte Person im Objekt im Brand- und Gefahrenfall auch sicher bei der Feuerwehr ankommt.
  • Holen Sie sich bei offenen Fragen ggf. Unterstützung bei einem Fachmann für vorbeugenden Brandschutz oder auch bei der zuständigen Feuerwehr.
  • Sicherheit zum „Nulltarif“ gibt es nicht!


Beitragsnummer: 14

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