Digitalisierung als neuer Kondratieff-Zyklus?

Freitag, 6. September 2019

Dr. Patrick Peters, Mönchengladbach

I. Einleitung

Die Digitalisierung wird von vielen als sechste Welle des Kondratieff-Zyklus bezeichnet. Technologieunternehmen sind seit Jahren der Renner an den internationalen Kapitalmärkten. Ihre Marktwerte wachsen und wachsen. Family Offices, Asset Manager, Privatbanken, Fondsgesellschaften sowie Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer müssen es schaffen, sich auf allen Ebenen zu digitalisieren, um Mandanten in der digitalen Welt bei ihren Bedürfnissen abzuholen.

II. Begriffsdefinition

Als Kondratieff-Zyklen werden die in sogenannten „langen Wellen“ verlaufenden Schwankungen der Weltkonjunktur bezeichnet. Der Begriff geht zurück auf den russischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai D. Kondratieff (1892 bis 1938), der dieses Phänomen erstmals 1926 beschrieben hatte[1]. Diese langfristigen Konjunkturbewegungen werden dabei in Zeitabschnitte von etwa 50 bis 60 Jahren eingeteilt. Am Beginn jedes langfristigen Wirtschaftsaufschwungs steht dabei, wie vom österreichischen Nationalökonomen Joseph Alois Schumpeter (1883 bis 1950) festgestellt wurde, eine neue, umwälzende Technik, die tiefgreifende Veränderungen in der Wirtschaft bewirkt.

1. Die erste Welle

„Die erste lange Welle von 1787 bis 1842 wurde danach durch die Erfindung der Dampfmaschine ausgelöst und war besonders durch die industrielle Revolution gekennzeichnet. Die zweite lange Welle von 1843 bis 1894 war vor allem gekennzeichnet durch die Entwicklung der Eisenbahn und Dampfschifffahrt, aber auch den Ausbau des Bergbauwesens und die Erfindung der Telegrafie. Die dritte lange Welle der Weltkonjunktur von 1895 bis etwa Ende der 1930er-Jahre war insbesondere gekennzeichnet durch die Elektrifizierung, den Verbrennungsmotor und das beginnende Zeitalter des Automobils sowie von Erfindungen im Bereich der Chemie. Die sich anschließende vierte lange Welle wurde besonders von der Entwicklung und dem Wachstum der Automobilindustrie, der Luft- und Raumfahrttechnik und der Kunststoffindustrie bestimmt.“[2] Der Beginn einer neuen langen Welle der Weltkonjunktur wurde nach Ansicht der Anhänger dieser Theorie ab etwa 1990 durch die einsetzenden, revolutionären Veränderungen in der Mikroelektronik, der Telekommunikationstechnik und der Biotechnologie ausgelöst.

2. Digitalisierung als sechste Welle?

Die Frage, die daraus resultiert, ist: Könnte die Digitalisierung als Fortentwicklung der Informations- und Computertechnologie den sechsten Kondratieff-Zyklus bilden? Es spricht einiges dafür. Jeder Kondratieff-Zyklus wird von (mindestens) einer Basisinnovation getragen und determiniert die wirtschaftliche Entwicklung für einen Zeitraum von rund 30 bis 60 Jahren. Jetzt, knapp 30 Jahre nach dem fünften Kondratieff-Zyklus, hat sich die Digitalisierung als neue Basisinnovation herausgestellt. „Grundsätzlich ist die Digitalisierung sicherlich als eine der Basisinnovationen zu betrachten, die die nächsten Jahrzehnte des weltweiten wirtschaftlichen Wachstums bestimmen wird. Es ist demnach zu erwarten, dass diese nächste große Welle, auf der wir uns befinden, im Wesentlichen durch digitale Technologien getragen wird“, schreibt dazu beispielsweise der Speaker und Berater Dr. Hubertus Porschen.[3]

Oder anders gesagt: „Die Entwicklungen und Möglichkeiten der modernen globalisierten Welt sind in den letzten Jahrzehnten rasant fortgeschritten, was Gesellschaften rund um den Globus fundamental verändert hat. Kaum ein Bereich ist unberührt geblieben und ist in vielfältigster Weise durchdrungen. Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht, und die Herausforderungen für alle Beteiligten steigen stetig an.“[4]

Ein Blick auf die führenden globalen Unternehmen mag ausreichen, um dieses Bild zu bestätigen. Technologieunternehmen sind seit Jahren der Renner an den internationalen Kapitalmärkten. Ihre Marktwerte wachsen und wachsen und die Aktien sind seit langem in der Kategorie „Substanzwerte“ angekommen. Die sechs größten Unternehmen der Welt sind allesamt Technologieunternehmen und haben zusammen eine Marktkapitalisierung von rund 3,7 Bio. €. Zum Vergleich: Alle 30 Unternehmen des deutschen Leitindex DAX (immerhin damit die größten Unternehmen einer der wichtigsten Wirtschaftsnationen überhaupt) kommen zusammen auf eine Marktkapitalisierung von etwa 1,2 Bio. €. Der Technologiekonzern SAP als absoluter deutscher Spitzenreiter kommt nicht einmal auf ein Sechstel von Primus Apple und nur auf ein knappes Drittel von Facebook. Johnson & Johnson, JPMorgan Chase & Co. und ExxonMobil auf den Plätzen sieben bis neun der weltgrößten Unternehmen sind zusammen so groß wie Microsoft.

3. Digitalisierung als Mega-Trend-Phänomen

Kurzum: Digitalisierung ist der neue Megatrend, der zu tiefgreifenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft geführt hat und weiterhin führt. Im Sinne der Kondratieff-Zyklen lässt sich festhalten, dass die Digitalisierung zu einem Paradigmenwechsel und den damit verbundenen innovationsinduzierten Investitionen geführt hat. Es gilt: „Die digitale Transformation eröffnet dabei große Chancen für mehr Lebensqualität, revolutionäre Geschäftsmodelle und effizienteres Wirtschaften. Schon heute sind über 20 Mrd. Geräte und Maschinen über das Internet vernetzt – bis 2030 werden es rund eine halbe Billion sein. Digitalisierung und Vernetzung kann ein Motor für Wachstum und Wohlstand sein“, heißt es beim Bundeswirtschaftsministerium. Die Unternehmensberatung McKinsey schätzt das Wertschöpfungspotenzial durch das Internet der Dinge allein in der globalen Fertigungsindustrie auf 1,2 bis 3,7 Bio. Dollar bis zum Jahr 2025. Hinzu kommen weitere ein bis zwei Bio. Dollar in Logistik und Handel.

4. Transformation der „old economy“ in die neue Welt der Digitalisierung

Was bedeutet das jetzt für Family Offices und andere Organisationseinheiten? Sie stehen vor der grundsätzlichen Herausforderung, den gesellschaftlichen Übergang in die Digitale Moderne bewältigen zu müssen. Tun sie das nicht, müssen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, kurz- bis mittelfristig Wertverluste ihrer investierten Assets in Kauf nehmen zu müssen, da sich die Natur der Geschäftsmodelle im Zuge der Digitalisierung mehrheitlich ändert, sie die personell getragene Kompetenz zu verlieren drohen, den erforderlichen Wandel überhaupt bewerkstelligen zu können und sich schlussendlich nur noch mit denjenigen Chancen abgeben zu können, die von strategisch klüger aufgestellten Marktteilnehmern übrig gelassen werden. Das hat schon Lewis Carroll in seinem bahnbrechenden Kinderbuch Alice im Wunderland gewusst: „Now, here, you see, it takes all the running you can do, to keep in the same place. If you want to get somewhere else, you must run at least twice as fast as that!“ Wer so schnell wie möglich rennt, schafft es vielleicht, seine Position zu erhalten; wer eine neue Position erreichen will, muss doppelt so schnell sein.

Das sagt einiges zur Digitalisierung aus: Allein um heute und in Zukunft wirtschaftliche Stabilität zu erreichen, sind Hochgeschwindigkeit und optimale Ausnutzung aller Ressourcen notwendig. Um sein Unternehmen auf eine neue Stufe zu heben, die von den digitalen Möglichkeiten definiert wird, ist die Verdopplung dieser Kapazitäten und Kompetenzen notwendig. Digitalisierung ist gleichbedeutend mit Exponentialität und sprunghaften Entwicklungen, nicht mit einer überschaubaren, steuerbaren Weiterentwicklung, wie es in der alten Industrie zumeist der Fall gewesen ist. Fortschrittszyklen waren länger, behutsamer und ließen sich besser skalieren – und hatten nichts mit tiefgreifenden Wandlungen zu tun.

Den Wandel hin zu einer voll digitalisierten Einheit ernst zu nehmen und Strukturen und Prozesse anzupacken, die familiengeführte Unternehmen und Family Offices zu diesem Ziel führen können, ist die herausragende unternehmerische Anforderung unserer Zeit und absolute Chefsache. Digitalisierung geht alle an. Keine Organisation kann sich dem entziehen; sie ist ein verpflichtender Ansatz im Sinne des sorgfältigen unternehmerischen Handelns. Das Argument, die eigenen Kunden bräuchten keine Digitalisierung, geht völlig fehl!

Wie notwendig der Verständnis- und Wahrnehmungswandel ist, zeigen aber Studien immer wieder. Mehr als jedes dritte deutsche Unternehmen hat einer Untersuchung der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) zufolge Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung. In den USA sei die Umstellung der Geschäftsprozesse weiter vorangeschritten. Demnach sind 36 % der deutschen Firmen Nachzügler in der Digitalisierung, lediglich ein Fünftel gelten als Vorreiter. In den Vereinigten Staaten gebe es mehr Vorreiter (25 %) und etwas weniger Unternehmen, die hinterherhinken (31 %).

Digitalisierung kann aber nicht von oben herab verordnet werden, sondern muss als völlig neues Denkmuster im Sinne eines tiefgreifenden Paradigmenwechsels verstanden werden. Digitalisierung ist daher vorrangig keine Frage der Investition in Soft- und Hardware. Sie ist die Etablierung einer anderen Sichtweise, die Zukunft frühzeitig begreift und verinnerlicht hat, dass Vergangenheit und Gegenwart sich nicht gefahr-, widerstands- und bruchlos in die Zukunft extrapolieren lassen.

Wie wirkt sich Digitalisierung also ökonomisch aus, welche Risiken bestehen konkret darin, sich nicht mit ihr auseinanderzusetzen? Welche Projekte in der Digitalisierung sind zwingend notwendig, um eine Organisation zukunftsfit zu machen? Welche Organisationsmatrix ist nötig, welcher Wandlung muss sich das Management unterziehen, um Digitalisierung möglich zu machen – welche spezifischen Herausforderungen und Möglichkeiten haben besonders Family Offices? Wie kann deren Geschäft mittels einer echten Digitalisierung vorangebracht werden? Und welche tiefgreifenden Veränderungen können Family Offices im Sinne der Digitalisierung erfahren, wenn deren Mandanten selbst die neuen Denkmuster voll erfasst haben? Diese Fragen gilt es zu beantworten, bevor es daran gehen kann, bestimmte, individuell definierte Ziele umzusetzen.

Valentin Bohländer schreibt dazu mit Blick aufs Family Office: „Trotz all der vergangenen technologischen Entwicklungen scheint es, als ob sich die Digitalisierung jüngst erst zum neuen Megatrend entwickelt hat. In jeder Branche und in jedem Unternehmen werden aktuell die Chancen und Herausforderungen diskutiert. […] Sicher ist, dass sich die Digitalisierung nicht mehr aufhalten lässt und sie betrifft alle Industrien und insbesondere die Finanzindustrie. Fintech-Startups, d.h. junge Finanzdienstleistungsunternehmen, die ausschließlich auf […] moderne[.] Technologien setzen, sprießen aus dem Boden und versuchen durch innovative Geschäftsmodelle und agile Arbeitsweisen von dem Trend zu profitieren. […] Um die Bedeutung der Digitalisierung für Family Offices vernünftig einschätzen zu können, ist es erforderlich, ihr Potenzial anhand der zentralen Charakteristika eines Family Offices zu betrachten. […] Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Aufgrund der Komplexität und Individualität der Themen in einem Family Office sind der Digitalisierung aber Grenzen gesetzt. Digitale Angebote sind eine Ergänzung, werden aber in naher Zukunft nicht das gesamte Geschäft übernehmen.“[5]

III. Fazit

Family Offices, aber auch Asset Manager, Privatbanken, Fondsgesellschaften sowie Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer stehen somit vor komplexen Aufgaben. Sie müssen es schaffen, sich auf allen Ebenen zu digitalisieren, die für sie Sinn ergeben: in der Verwaltung, in der Kommunikation mit den Mandanten, in der Zusammenarbeit mit Dienstleistern und anderen Beratern des Mandanten, in der Präsentation von Ergebnissen, im Krisenmanagement und, und, und. Digitalisierung ist der große Punkt, an dem sich die Wirtschaft scheiden wird: Die einen haben Digitalisierung als das verstanden, was sie ist; die anderen haben sich an den Erfolgen und Zahlen der Vergangenheit orientiert und die Perspektiven falsch bewertet.

PRAXISTIPP:

  • Wichtig: Berater sollen keinem vermeintlichen Trend hinterherlaufen und immer das tun, was gerade auf Marketingkonferenzen verkündet wird – nicht jede Maßnahme passt zu jeder Einheit. Aber sie dürfen nicht ignorieren, dass Digitalisierung mehr ist als Pinterest, WhatsApp und Co. Digitalisierung ist eine neue Form der Arbeit und der Kommunikation, sodass die ganz verschiedenen Elemente erkannt, verstanden und implementiert werden müssen. Jeder Kondratieff-Zyklus hat bisher die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung tief geprägt. Diese Wucht hat auch die Digitalisierung. Dementsprechend kann sich kein Berater darauf zurückziehen, dass schon alles so bleiben wird, wie es war. Digitalisierung zu verstehen und umzusetzen ist eine der herausragenden Aufgaben für alle Berater. Sonst könnten die Mandanten schnell in der digitalen Welt abhandenkommen.
  1. Kondratjew, Nikolai D. (1926): Die langen Wellen der Konjunktur, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik. Band 56, S. 573–609.
  2. Unter: https://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19806/kondratieff-zyklen
  3. https://www.hubertusporschen.com/2018/06/19/was-unternehmertum-und-digitalisierung-mit-der-theorie-der-langen-wellen-zu-tun-hat/
  4. Wagner, V. (2019): Sicherheit ist das Fundament für Vertrauen in die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, in: Endreß, C./Peters, P./Vogt, C.: Wirtschaftsschutz in der Praxis. Positionen zur Unternehmenssicherheit und Kriminalprävention in der Wirtschaft. Wiesbaden: Springer Professional, S. 41–63.
  5. Bohländer, V. (2019): Digitalisierung im Family Office Management, in: Werkmüller, M. A.: Family Office Management. Heidelberg: Finanz Colloquium Heidelberg. S. 687–710.


Beitragsnummer: 3043

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