Kundenansprüche durch innovative Banking-Ökosysteme erfüllen

Donnerstag, 16. Januar 2020

Interview mit Karl im Brahm, CEO der Avaloq Sourcing (Europe) AG und Head of Germany (www.avaloq.com)

     

Banken-Times: Mitentscheidend für eine erfolgreiche Kundenzentrierung ist, wie eine Bank auf der letzten Meile zum Kunden aufgestellt ist, welche Kanäle sie bedient und welche Digitalisierungsansprüche ihrer Klienten sie schon erfüllt. Welche Strategie ist für eine Bank hier die richtige?

Karl im Brahm: Leider gehen viele Banken mit einem eher blinden Digitalisierungseifer an die Sache heran. Mitunter fehlt einfach der nötige Weitblick und die Bank rollt digitale Anwendungen aus, die ihren Kunden gar keinen wirklichen Mehrwert bieten. Worum es heute wirklich geht, ist, den Kunden die Möglichkeiten eines individuellen und bedarfsgerechten Online-Bankings zu eröffnen.

 

SEMINARTIPPS

FCH Innovation Days 2020, 15.–16.06.2020, Berlin.

Digitale Authentifizierung im Konten- & Zahlungsverkehr gemäß PSD II, 29.09.2020, Frankfurt/M.

Cloud-Dienstleistungen: Anforderungen, Implementierung & Überwachung, 30.09.2020, Frankfurt/M.

 

Banken-Times: Aber heißt das nicht, dass Banken die digitale Transformation ihrer Angebote noch intensiver betreiben müssen?

 

BUCHTIPP

Janßen/Plate/Riediger (Hrsg.), Digitalisierung im Dokumentenmanagement, 2017.

  

Karl im Brahm: Nun, es kommt für Banken darauf an, das Richtige zu tun, und zwar rechtzeitig. Denn erfolgreiche Kundenorientierung durch moderne digitale Lösungen sichert Wettbewerbsfähigkeit. Fintechs entwickeln sich mit ihren innovativen Angeboten zu Marktbegleitern, die man ernst nehmen sollte. Und auch der Markteintritt der Technologiegiganten – der GAFAs – droht den Finanzsektor drastisch zu verändern. Für Privatbanken und Wealth Manager ist es nicht einfach, kurzfristig genau die nutzwertigen Lösungen zu schaffen, die der Markt will. Dafür fehlen meist die Ressourcen und auch das Know-how. Aber es gibt einen Weg für Banken und Vermögensverwalter, auf diese Herausforderungen der Digitalisierung die optimale Antwort zu geben: durch Banking-Ökosysteme.

Banken-Times: Wie können Banking-Plattformen und -Ökosysteme helfen?

Karl im Brahm: Ein Treiber für das Plattform-Banking ist ja die PSD2-Richtlinie. Seit Anfang 2018 sind Banken bekanntlich verpflichtet, Daten ihrer Kunden – wenn diese das möchten – automatisch über Schnittstellen an andere Finanzinstitute oder Fintechs zu übermitteln. Das entspricht bereits dem Plattform-Gedanken: Fintechs können eigene Lösungen entwickeln und den Kunden diese Dienstleistung über die offenen APIs einer Banking-Plattform bereitstellen. Als Anbieter solch einer Banking-Plattform für ihre Kunden ist die Bank also zugleich so etwas wie ein Betreiber eines Fintech-Marktplatzes. Die Bank behält dabei eine Schlüsselrolle, schon weil sie über eine große Menge an KWG-konform erhobenen Daten verfügt, durch die sie Klienten individuell und bedarfsgerecht ansprechen kann. Zudem sind Banken im Kundenalltag oft allgegenwärtig. Manche von ihnen verzeichnen pro Tag bis zu einer Million Log-ins in ihr Online-Banking. Hinzu kommt, dass etablierte Banken aus Deutschland und Europa den wichtigen Vorteil haben, dass ihre Kunden ihnen vertrauen. Es gibt da keine Zweifel an einem rechtskonformen und sicheren Umgang mit den Kundendaten – wie vielleicht bei Anbietern aus Übersee.

 

FILMTIPP

Der digitale Nachlass.

   

       

Abbildung 1: Banking-Plattformen vereinen die Innovationskraft von Fintechs mit der Marktmacht von Banken – zugunsten der Kunden. (Quelle: pixabay/Copyright: geralt)

Banken-Times: Was macht die Banking-Plattform oder das Banking-Ökosystem für die Fintechs attraktiv?

Karl im Brahm: Junge Fintechs erhalten in einem Banking-Ökosystem Zugang zu Banken und zu deren Klienten. So können sie ihre innovativen Angebote und Dienste skalieren. Auch Assets der Bank wie Marke und Branchen-Know-how spielen eine wichtige Rolle, weil Fintechs so gemeinsam mit der Bank innovative Anwendungen mit noch höherem Nutzwert entwickeln können. Und aus Kundensicht ist es ein wichtiger Vorteil, innovative, digitale Lösungen in einem Umfeld nutzen zu können, das sie schon kennen und dem sie vertrauen. Der entscheidende Vorteil für Banken und Vermögensverwalter liegt natürlich darin, dass sie durch solch eine Open-Banking-Plattform den Markttrends und den Kundenbedürfnissen viel schneller folgen können. Die Time-to-Market von Innovationen, die für Klienten wirklich nutzwertig sind, wird drastisch reduziert. Von solch einem Banking-Ökosystem profitieren alle Beteiligten: die Banken, die Fintechs und die Kunden.

Banken-Times: Sollten Banken also ihre eigene Plattform entwickeln, um Fintechs als Technologie- und Innovationspartner zu gewinnen?

Karl im Brahm: Natürlich benötigen Banken eine moderne IT-Infrastruktur, auf die sie neue Lösungen und Microservices durch APIs einfach per Plug-and-Play aufschalten und zuverlässig betreiben können. Aber für Privatbanken und Wealth Manager ist es keine wirkliche Lösung, solch eine Open-Banking-Plattform selbst entwickeln zu wollen, um sie dann ständig auf dem modernsten Stand zu halten. Eine eigene Systemwelt aus verschiedenen, fragmentierten Datenbanken zu schaffen, hilft wenig, denn die vorhandenen Legacy-Systeme schränken die Flexibilität in der Regel sehr ein. Darum sind eigenentwickelte Lösungen häufig sehr komplex und wartungsintensiv. Das heißt: Im Moment ihres Launchs ist die Eigenentwicklung oft schon wieder veraltet. Diese technische Seite ist das eine. Hinzu kommt auch noch der regulatorische Aspekt. Die regulatorischen Vorgaben verhindern es, dass eine Bank einfach beliebig digitale Projekte umsetzen kann. Aktuell gibt es weltweit rd. 11.000 Fintechs, oft sind das Start-ups mit speziellen Nischenanwendungen. Unter all diesen Lösungen die geeigneten Kandidaten zu finden, um sie auf ihre Sicherheit und ihren Nutzwert zu prüfen, würde viele Finanzinstitute überfordern. Das wäre zeitaufwendig, teuer und risikobehaftet.

       

Abbildung 2: Ein Kernbankensystem bildet die Basis für Ökosysteme und Technologie-Marktplätze. (Quelle/Copyright: Avaloq)

Banken-Times: Das heißt, Sie halten es für sinnvoller, auf ein existierendes Ökosystem zurückzugreifen?

Karl im Brahm: Ja, absolut. Wenn ein Finanzinstitut ein modulares Kernbankensystem einsetzt, das von Haus aus dem Open-Banking-Gedanken folgt und über entsprechende APIs verfügt, wird es für die Bank leicht, Anwendungen von Drittanbietern über offene Schnittstellen zu integrieren und eine konsistente Datenstruktur sicherzustellen. Solche modularen Banking-Plattformen liefern zugleich die Grundlage für Banking-Ökosysteme und Technologie-Marktplätze. Im Idealfall hat der Anbieter der Banking-Plattform interessante Fintech-Lösungen bereits auf ihre Sicherheit geprüft und in die Plattform vorintegriert. Avaloq etwa verfolgt genau diesen Open-Banking-Ansatz. Wir haben einen App-Store für Banking-anwendungen an unser Kernbankensystem angebunden – wir nennen ihn avaloq.one. Der große Vorteil solch eines lebendigen Ökosystems ist, dass Banken neue Tools schnell und einfach in ihre Banking-Plattform integrieren können. Das können beispielsweise Messenger zur sicheren Kommunikation zwischen Berater und Klient sein oder interaktive Robo-Advisory-Services. Auch News-Analyzer kann eine Bank ihren Kunden so sehr schnell zur Verfügung stellen. Ein derartiges Tool kann hunderttausende Nachrichten täglich analysieren. Und sind diese neuen Fintech-Tools integriert, macht das Finanzinstitut sie seinen Klienten bedarfsgerecht zugänglich. Die gar nicht so ferne Zukunfts-Vision besteht darin, dass Kunden ihr Web-Banking dann so flexibel personalisieren können, wie sie das von den Apps auf ihrem Smartphone gewohnt sind.

Abbildung 3: Die größten Vorteile eines Banking-Ökosystems sind Geschwindigkeit, Sicherheit, Skalierbarkeit und Differenzierung. (Quelle/Copyright: Avaloq)

Banken-Times: Glauben Sie, dass Berater durch neue digitale Lösungen völlig ersetzt werden können?

Karl im Brahm: Nein, das denke ich nicht. Ich glaube, das Bankerlebnis der Zukunft verbindet auf der letzten Meile die digitale Begegnung mit der persönlichen. Denn die persönliche Beratung des Kunden wird nicht überflüssig, sie wird intensiver und zielführender. Fintech-Lösungen können dabei unzählige Prozesse vereinfachen, ohne Medienbruch und mit konsistenten Daten. Das reicht von der Kontoeröffnung über die Hypothek bis zum Wertpapierhandel. Kundenorientierte Digitalisierung macht die letzte Meile komfortabler, günstiger, schneller – und kundenzentrierter. Durch die Apps und Tools, die ihm seine Bank oder sein Wealth Manager bietet, muss der Kunde sich und seine Bedürfnisse verstanden fühlen. Banking-Ökosysteme eröffnen Instituten ganz neue Möglichkeiten der Customer Centricity, mit einer intensiveren, individuelleren Beratung. Und das danken ihnen die Kunden durch ihre Treue.

PRAXISTIPPS

  • Statt in fragwürdigem Digitalisierungseifer neue Apps auszurollen, sollten Banken und Wealth Manager immer den Mehrwert für ihre Kunden im Blick behalten.
  • PSD2 ist ein wichtiger Treiber für den Open-Banking- und Plattform-Banking-Gedanken.
  • Fintechs finden auf Banking-Plattformen Finanzinstitute, die ihre Lösungen brauchen, und Banken reduzieren so die Time-to-Market ihrer relevanten Innovationen.
  • Im Idealfall nutzen Banken existierende Ökosysteme, die sich um ein modulares Kernbankensystem mit offenen APIs herum entwickeln.
  • Das Bankerlebnis der Zukunft verbindet die Effizienz digitaler Prozesse mit dem Wert persönlicher Beratung – und erreicht dadurch ein neues Niveau von Customer Centricity.

       

Karl im Brahm ist CEO der Avaloq Sourcing (Europe) AG und verantwortet als Head of Germany der Avaloq die Aktivitäten der Avaloq Gruppe (www.avaloq.com) im deutschen Markt. Er war unter anderem Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung der Deutschen Postbank AG sowie Mitglied des Vorstands bei der S Broker AG & Co. KG und der Deutschen WertpapierService Bank AG. Bevor er 2018 zu Avaloq wechselte, hatte er als CEO einer Beratungsgesellschaft diverse Mandate für Digitalisierungs- und Vertriebsprojekte bei verschiedenen deutschen Großbanken inne.

Website: www.avaloq.com

LinkedIN: https://de.linkedin.com/in/karl-im-brahm

Xing: https://www.xing.com/profile/Karl_imBrahm/cv

Twitter: https://twitter.com/Avaloq


Beitragsnummer: 4898

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