Mittwoch, 21. September 2022

Besonderheiten in der Analyse im aktuellen Umfeld

Die aktuellen Ereignisse werden Unternehmen teilweise an den Rand der Leistungsfähigkeit bringen. Hieraus ergeben sich besondere Herausforderungen in der Analyse

Christoph Martinek, Abteilungsleiter Kredit, Immobilien, Sanierung, InsolvenzFinanz Colloquium Heidelberg GmbH, zuvor 20 Jahre im Kreditgeschäft (Marktfolge) und insbesondere in der Analyse von Unterlagen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen heimisch – sowohl im „Lebendgeschäft“ als auch in der Problemkreditbearbeitung

Wer die aktuelle Entwicklung der Wirtschaftslage in Deutschland verfolgt, wird nicht gerade von Erfolgsmeldungen verwöhnt. Stellvertretend für eine Reihe von Meldungen steht die Herbstprognose des IfW Kiel: „Hohe Energiepreise drücken deutsche Wirtschaft in Rezession“ (https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/medieninformationen/2022/herbstprognose-ifw-kiel-hohe-energiepreise-druecken-deutsche-wirtschaft-in-rezession).

Die erwartete Rezession i. V. m. der Inflation sowie der Entwicklungen im Energiesektor stellen die gesamte Wirtschaft und damit auch die Kreditinstitute im Bereich „Kredit“ vor deutliche Herausforderungen. Das steigende Zinsniveau könnte bei dem einen oder anderen Kreditnehmer der berühmte „letzte Tropfen“ sein. Die Anforderungen, die sich hinter den Kürzeln „ESG“ verbergen, sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Unter den aktuellen gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen erscheint es noch komplizierter zu sein, eine treffende (aufsichtsrechtlich geforderte) zukunftsgerichtete Analyse des jeweiligen Kreditnehmers durchzuführen. 

Die vor allem in den Jahren der großen wirtschaftlichen Stabilität durchaus mögliche simple Projizierung der Ergebnisse des jeweils aktuellen Jahresabschlusses auf die Folgejahre kann mit Blick auf die aktuellen Verwerfungen grundsätzlich nicht mehr adäquat sein.

Viele Unternehmer werden vor den nachstehend beschriebenen Herausforderungen stehen:

  • Die Produktion soll so lange wie möglich reibungslos aufrechterhalten werden.
  • Es werden Lieferengpässe bzw. -ausfälle erwartet, i. F. d. werden notwendige RHB-Stoffe frühzeitig und in deutlich erhöhter Menge angeschafft.
  • Energie wird weiter geliefert, Kosten erhöhen sich entsprechend.

Ein frühzeitiges Eindecken mit für die Produktion notwendigen RHB-Stoffen führt zum einen dazu, dass höchstwahrscheinlich die Vorjahresvergleichszahlen deutlich von den aktuellen Werten abweichen werden. Wesentlich sind die Auswirkungen auf das working capital und die darauf basierenden Kennzahlen (gilt sowohl für den Jahresabschluss als auch für die BWA).

Betrachten wir hier vor allem die Auswirkungen auf die Liquidität:

Der Anstieg der RHB-Stoffe entzieht dem Unternehmen zunächst Liquidität, sei es mittels Abbaus von Bankguthaben oder Aufbaus von (kfr.) Verbindlichkeiten (LuL/KI/FA). 

Der Punkt „Aufbau von Verbindlichkeiten“ ist dabei kritisch zu hinterfragen:

  • Welche Zahlungsziele wurden dem Kreditnehmer seitens der Lieferanten gewährt und bestehen noch freie Kreditlinien für weitere Käufe?
  • Welche Zuflüsse an liquiden Mittel sind kfr. zu erwarten und wie wirken sich diese auf die Inanspruchnahme der Linie(n) aus? Sind Liquiditätsengpässe zu erwarten? Sind Überziehungen notwendig?

Planungen/Planrechnungen

In der aktuellen Situation verstärkt sich das Spannungsfeld zwischen Vorhersehbarkeit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und der Rolle/Entwicklung des jeweiligen Unternehmens in dieser. Dies erhöht die Notwendigkeit der Erstellung einer fundierten/rollierenden Planung durch den Unternehmer – völlig losgelöst von den durch die Kreditinstitute zu erfüllenden aufsichtsrechtlichen Anforderungen.

Der Fokus der Planung sollte neben der Entwicklung der Liquidität auch auf der Entwicklung der Rentabilität liegen. Sonderfaktoren/einmalige Einflüsse sind mindestens verbal zu benennen (Höhe und Grund), um eine treffende Kapitaldienstberechnung durchführen zu können.

Die deutlich höheren Ausgaben für Energie zählen nach aktueller Einschätzung dabei NICHT zu den „unregelmäßigen Aufwendungen“, da hier die Meinungen mit Blick auf das Anhalten der hohen Preise zu einem eher mittelfristigen Szenario tendieren.

Neben dem „Zahlenteil“ ist zudem eine verbale Kommentierung seitens des Unternehmers notwendig, die zusätzlich zu den Planungsprämissen auch einen kurzen Ausblick auf die geplante Entwicklung gibt, z. B. neue Lieferanten/Abnehmer, neues Produkt, Schließungen von Standorten, Entlassungen, usw. Sofern möglich, wird diese Planung beim Kunden vor Ort besprochen und mit einer Betriebsbesichtigung verbunden.

Erst nach Zusammenführung der einzelnen Komponenten „Analyse Jahresabschluss“, „Analyse BWA“, „Analyse Planung“ und „Kundengespräch inkl. Betriebsbesichtigung“ kann ein möglichst valides Bild des Kunden gezeichnet werden. Je weniger Komponenten in der Beurteilung berücksichtigt werden (können), desto vager wird das Ergebnis.

Denken Sie zudem vom einzelnen Kreditnehmer zum Portfolio, nutzen Sie die Erkenntnisse aus der Einzelanalyse z. B. für ein „Back-Testing“ der Frühwarnkriterien. Halten Sie insbesondere auch Ausschau nach Unternehmen, die operativ nicht mehr erfolgreich am Markt bestehen können, aber noch von der Substanz resp. Krediten künstlich am Leben gehalten werden („Zombie-Unternehmen“) und prüfen Sie, inwieweit eine Anpassung der Strategie notwendig wird.

PRAXISTIPPS

  • Der Umfang der vom Kunden einzureichenden Unterlagen sollte bei relevanten Kunden um die Komponente „Planung“ erweitert werden.
  • Je volatiler das wirtschaftliche Umfeld, umso kritischer sollte mit einer (sehr) hohen Auslastung der Kapitaldienstgrenze umgegangen werden. Dies gilt auch für das Privatkundengeschäft: prüfen Sie hier auch Höhe und Zusammensetzung der (pauschalen) Lebenshaltungskosten.
  • Überwachen Sie die Entwicklung der Überziehungen. Gerade bei größeren (und längeren) sollte eine nachvollziehbare Dokumentation erfolgen, warum diese zugelassen wurden und wie die Rückführung geplant ist.

Beitragsnummer: 21823

Produkte zum Thema:

Produkticon
Effektive Frühwarnindikatoren im Risikomanagement in Praxis & Prüfung

329,00 € exkl. 19 %

28.11.2022

Produkticon
Analyse von Bankbilanzen

329,00 € exkl. 19 %

15.11.2022

Produkticon
Nachhaltiges Kreditgeschäft - ESG Risiken im Kreditvergabeprozess

329,00 € exkl. 19 %

24.11.2022

Produkticon
Analyse der zukünftigen & nachhaltigen Kapitaldienstfähigkeit

329,00 € exkl. 19 %

22.11.2022

Produkticon
Risikofrüherkennung mittels BWA-Analyse

329,00 € exkl. 19 %

03.11.2022

Beiträge zum Thema:

Beitragsicon
Jahresabschlüsse automatisiert verarbeiten

Im kostenfreien FCH TopPartner zeigt die Comline GmbH die automatisierte Verarbeitung von Jahresabschlüssen.

24.08.2022

Beitragsicon
Die Weiterentwicklung der MaRisk

Ein historischer Abriss über die Weiterentwicklung der MaRisk bis zur 6. Novelle vom 16.08.2021

26.08.2021

Beitragsicon
Haushaltskosten & Co.

KDF-Berechnungen im Fokus von Prüfungen – Input zum Optimierungsbedarf in den Banken.

28.06.2022

Beitragsicon
Die Weiterentwicklung der MaRisk

Ein historischer Abriss über die Weiterentwicklung der MaRisk bis zur 6. Novelle vom 16.08.2021

26.08.2021

Beitragsicon
Objektbasierte Finanzierungen: Eine Schockstarre verhindern

Inflation, Materialmangel und Energiekrise belasten Firmenkunden. Objektbasierte Lösungen helfen bei der Krisenbewältigung.

23.09.2022

Beitragsicon
Die Weiterentwicklung der MaRisk

Ein historischer Abriss über die Weiterentwicklung der MaRisk bis zur 6. Novelle vom 16.08.2021

26.08.2021

Beitragsicon
Nachhaltigkeitsbezogene Anpassungsbedarfe der Kreditprozesse

Handlungsbedarfe für die Kreditprozesse einer Bank unter besonderer Berücksichtigung der Kreditvergabe für Neubau, Kauf und Renovierung von privat

03.06.2022


Um die Webseite so optimal und nutzerfreundlich wie möglich zu gestalten, werten wir mit Ihrer Einwilligung durch Klick auf „Annehmen“ Ihre Besucherdaten mit Google Analytics aus und speichern hierfür erforderliche Cookies auf Ihrem Gerät ab. Hierbei kommt es auch zu Datenübermittlungen an Google in den USA. Weitere Infos finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen im Abschnitt zu den Datenauswertungen mit Google Analytics.