Mittwoch, 26. April 2023

Die EZB, die Inflation und die langfristigen Zinsen

Eine Standortbestimmung und die weiteren Aussichten

Dr. Jörg Lauer, Rechtsanwalt, langjährige Geschäftsverantwortung im Immobilien-finanzierungsgeschäft im Landesbankenbereich, Lehrbeauftragter an der Akademie der Hochschule Biberach, Hemsbach

I. Einleitung[1]

Nach langem Zögern[2] im Vergleich zu den Notenbanken anderer Länder stemmt sich das Eurosystem[3] bzw. die Europäische Zentralbank (EZB) seit Juli 2022 mit Leitzinserhöhungen gegen die Inflation im Euro-Raum. Dabei umfasst der Oberbegriff „Leitzins“ (i) den Hauptrefinanzierungssatz, zu dem Geschäftsbanken sich kurzfristig[4] bei der EZB Geld leihen können, (ii) den Spitzenrefinanzierungssatz, zu dem sie sich über Nacht Geld leihen können, und (iii) den Einlagensatz; er gilt, wenn Banken überschüssiges Geld über Nacht bei der EZB „parken“. Die steigenden Haupt- und Spitzenrefinanzierungssätze verteuern kurzfristige, insbesondere variabel refinanzierte Kredite. Nach der langen Phase nicht oder niedrig verzinster Spareinlagen, beläuft sich die Einlagenfazilität aktuell auf 3 % p. a. Leitzins-Veränderungen beeinflussen zudem die allgemeine Wirtschaftslage, die Preisstabilität und die Währungskurse. Die Gewährleistung der Preisstabilität ist eindeutig das vorrangige Ziel der EZB[5]. Wie wirken sich die bisherigen Leitzinserhöhungen nun auf die Entwicklung der Verbraucherpreise und damit auf die Teuerungs- bzw. Inflationsraten im Euro-Raum (II.), indirekt auf langfristige Renditen (III.), auf Kurse der Anleihen (IV.) und auf die nationalen Immobilienmärkte aus (VI.) und wie sind die Aussichten bezüglich der Inflationsbekämpfung zu beurteilen (V.)? 

II. EZB-Entscheidungen und der Geldmarkt

1. Ziele der EZB-Leitzinserhöhungen

Während niedrige Leitzinsen grundsätzlich das Wirtschaftswachstum fördern, zeigen höhere Leitzinsen eine abbremsende Wirkung. Denn

  • die Nachfrage nach kurzfristigen Krediten sinkt, je höher die damit verbundene Zinsbelastung wird,
  • mit sinkender Kreditnachfrage reduziert sich die Geldmenge und deren Umlaufgeschwindigkeit,
  • mit der Folge, dass sich auch das Angebot an Geld verringert;
  • kann weniger Geld ausgegeben werden, gehen Investitionen und Konsum-Ausgaben zurück und
  • eine nachlassende Nachfrage nach Gütern und auch Dienstleistungen kann deren Preise nicht mehr befeuern. Darin zeigt sich die preisstabilisierende Wirkung.  Zweitrundeneffekte mit höheren Lohnabschlüssen werden ebenfalls gebremst.
  • Für Haushalte entstehen bzw. steigern sich Sparanreize, die den Konsum ebenfalls reduzieren. Denn dem Geldmarkt wird Überschussliquidität entzogen.

Die Festlegung des Leitzinses ist das wichtigste geldpolitische Instrument der EZB.

2. Direkte Folgen der EZB-Leitzinserhöhungen

Höhere Finanzierungskosten führen im Unternehmensbereich generell dazu, dass Investitionsausgaben zeitlich verschoben oder zunächst ganz aufgegeben werden. Steigende Leitzinsen wirken sich sowohl bei der direkten Refinanzierung über EZB-Mittel, als auch über das Inter-Banken-Geschäft bei variablen Finanzierungen zinserhöhend aus. So notiert die €STR[6] seit dem 23.03.2023 bei 2,90 %[7]. Für Verbraucher verringert sich das „billige Geld“ über Kredite, so dass konsumtiven Zwecken weniger zugeführt wird. Steigende Einlagensätze fördern zudem wieder das Sparen, so dass auch deswegen weniger Geld in die Märkte fließt. Die Sparleistung steigt selbst dann, wenn der Sparzins nach Berücksichtigung der jeweiligen Inflationsrate – also der Realzins – angesichts hoher Inflationsraten im negativen Bereich verharrt. 

Da die Banken bereits nach der ersten Leitzinserhöhung vom Juli 2022 keine Gebühren mehr an die EZB für das „Parken“ von Geldern über einen bestimmten Schwellenbetrag hinaus zahlen mussten, ist die wirtschaftliche Rechtfertigung für Verwahrentgelte entfallen. Nun müssten die möglichen höheren Sparzinsen sukzessive an die Kundschaft weitergegeben werden. Die festzustellende Verzögerung resultiert bankbetriebswirtschaftlich daraus, dass das Angebot an Geld (Spareinlagen) die Nachfrage nach damit refinanzierbaren Krediten aktuell noch übersteigt. Aus Gründen des Wettbewerbs um neue Kunden überbieten einige Institute das verbreitet immer noch weit unter dem Einlagensatz liegende Niveau an Sparzinsen. [...]
Beitragsnummer: 22083

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